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Welcome on Board – Knudepunkt as a Firsttimer [ARCHIV 2011]

Posted in Live Rollenspiel, and Throwback Thursday

In diesem Artikel von 2011 habe ich über mein erstes Mal auf der internationalen – und sehr speziellen – Knutepunkt Larp Konferenz geschrieben. Der Artikel ist damals zuerst in der Zeitschrift LARPzeit und später im Fandom Observer erschienen. Hier stelle ich ihn euch noch mal in leicht überarbeiteter Version zur Verfügung.

Willkommen in Helsinge!

Ich lehne in Helsinge, eine Stunde von Copenhagen entfernt, im Konferenzzentrum Bymose Hegn an der Bar. Ich spreche abwechselnd in deutsch und englisch mit einigen internationalen Larp-Forscher-Kollegen. Und es betritt eine Fee den Raum. Eine hübsche Fee. Eine Fee im weißen Kleid. Eine freundlich aussehende Fee. …Bis sie plötzlich…, ja bis sie plötzlich eine große Kneif-Zange zieht und ihre blutigen Hände zeigt. 

Die "Zahnfee" auf der Knutepunkt Larp Konferenz 2011
Die Zahnfee in Ausübung ihrer Pflicht

Während ich mit der Zahnfee auf der PhantaSwing-Party (Mischung aus Swing und Fantasy) des letzten Abends der Knudepunkt Larp Konferenz einen Rum-Kola trinke und ein Foto von ihr tweete, lasse ich das Wochenende nochmal Revue passieren: Es war eine verrückte Zeit! Es war eine tolle Zeit! Mit unglaublich netten und wahnsinnig kreativen Menschen. Menschen die Jahr für Jahr unglaublich innovative Live Rollenspiele veranstalten. Und die sich diesem immensen Kraftaufwand stellen und einfach nur Großartiges vollbringen!

Die Knudepunkt Larp Konferenz

Aber von Anfang an: Die Knudepunkt Konferenz ist eine seit 1997 jährlich stattfindende Konferenz über Live Rollenspiel. Sie startete damals mit dem Ziel, das Konzept des Nordic Larp (Larp = Live Action Role Playing) als solches zu etablieren. Sie findet seitdem jedes Jahr in einem anderen skandinavischen Land statt. Dementsprechend wird sie jedes Jahr in der entsprechenden Landessprache übersetzt als Knotenpunkt benannt. Was so viel wie Treffpunkt, Meeting Point meint. Deswegen heißt sie, abhängig davon wo sie gerade stattfindet: Knudepunkt, Knutpunkt, Knutepunkt oder Solmukohta.

Meine Wenigkeit auf dem Weg zur PhantaSwing Party

Heute [also schon damals 2011 😉 ] ist die Knudepunkt Konferenz – obwohl weltweit Vorbild für Nachahmer – mit diesjährig 275 Teilnehmern die weltweit größte ihrer Art. Und sie ist aufgrund von Teilnehmern aus Deutschland, USA, Russland, Tschechien, Israel, Frankreich, Italien, Weißrussland, Estonien, Belgien, Niederlande, Großbritanien und Österreich durchaus als international zu bezeichnen. Dabei ist die Knudepunkt Konferenz ein bunter, zuweilen wilder Mix aus verschiedensten Formaten. Darunter vor allem klassische Vorträge und Berichten über innovative Larp-Konzepte. Aber es gibt auch jedes Jahr zahlreiche hilfreiche Workshops, wissenschaftliche Vorträge und diverse Mini-Larps. Und nicht zuletzt gibt es feuchtfröhliche, hammermäßige Partys mit unglaublich netten Menschen aus der ganzen Welt und teilweise auch wirren Insider-Ritualen – aber dazu später mehr.

Mein eigenes „erstes Mal“ auf einer internationalen Larp Konferenz begann trotz ausführlicher, superordentlicher Planung vor allem …planlos. Sagen wir einfach: Ich habe den Bus verpasst. Auch wenn das die Situation – die unter anderem ein wirres Umherirren durch Kopenhagen und endloses „Warten“ im Dutyfree-Bereich des Flughafens umfasst – tatsächlich nicht ansatzweise in ihrer vollen Blüte umschreibt… . Spannenderweise begann gerade dadurch bereits zu diesem Zeitpunkt meine faszinierende Reise mit dem Namen Knudepunkt.

Welcome on Board!

Nachdem ich im Konferenz-Zentrum angerufen hatte und gestand, dass ich zu blöd war in Copenhagen die richtige Statue zu finden, an der der Shuttlebus fuhr, ging alles blitzschnell. Und ich wurde Zeugin der unglaublich professionellen Organisation des diesjährigen Knudepunkts. Von einem der Organisatoren wurde ich superfreundlich und höchstpersönlich am Telefon in Echtzeit durch halb Copenhagen und über zahlreiche Stationen etwa anderthalb Stunden lang bis zum Konferenz-Zentrum gelotst. Nach insgesamt etwa 12h Anreise war ich dann endlich im Konferenz-Hotel angekommen. Und trotz dreistündiger Verspätung bekam ich trotzdem noch etwas Anständiges zu Essen und das tollste Welcome-Package ever in die Hand gedrückt. Und zwar mit allem was der Mensch auf einer Konferenz braucht: Bücher (3!), ein wohlorganisiertes Programmheft, was zum Schreiben, etwas Süßes und eigens für jeden Teilnehmer angefertigte Visitenkarten. Was besonders vor dem Hintergrund, dass ich natürlich meine Eigenen vergessen hatte, großartig war. 

Stephanie und Frank Bethmann auf der PhantaSwing Party

Mein Abend war aber bereits perfekt, als ich direkt 5 Minuten nach Ankunft den Code des hausinternen W-LANs und ein Bier in die Hand gedrückt bekam. Und es wurde stetig nur noch besser! Mit meinem Bier in der Hand wurde ich dann anschließend zum ersten Mal Zeuge der alljährlichen Tradition der „hour of rant“. Hier lassen sich allerhand gestandene Larper mal so richtig darüber aus, was sie an Larp, an Larpern, an Larp Veranstaltern oder einfach so generell gerade total ankotzt. Aber nicht irgendwie, sondern jeweils in 5minütigen super professionellen und sehr unterhaltsamen kurzen Präsentationen. Extrem lustig und definitiv wärmstens zu empfehlen!

Der erste Abend klang dann reichlich spät und höchst vielversprechend mit der Entscheidung zwischen Poolparty oder Longdrinks in der hauseigenen Bar und entsprechend tollen Unterhaltungen aus. 

Knudepunkt as a First-Timer…

 Besucht man zum ersten Mal eine der Knudepunkt Konferenzen wird man dabei liebevoll als „First-Timer“ bezeichnet. Was einem zunächst etwas seltsam vorkommen mag, ergibt nach und nach Sinn. Denn schnell erkennt man: Diese Wahnsinnigen die zuweilen nur im Bademantel auftauchen oder in der Ritter-Rüstung zum Abendessen anstehen, sind kein lose zusammengewürfelter Haufen von Live Rollenspielern aus verschiedenen Ländern. Nein, die Besucher der jährlich stattfindenden Knudepunkt-Konferenz sind eigentlich eine große Familie. Zusammengeführt und geeint durch ihre Liebe zum Rollenspiel. – Und ihre dementsprechenden, spezifischen Charakteristika. Wie zum Beispiel der Freude am Spielen in beinahe jeder Form. Oder einer durchaus sehr sympathisch ausgelebten Freude an der Selbstdarstellung.

Damit ist die Knudepunkt Konferenz nicht irgendeine Konferenz. Sondern sie ist ihre alljährlich stattfindende, vollkommen durchgeknallte Familienzusammenführung. Bei der der obligatorische Opa Erwin in die Torte fällt. Und wo Tante Frida Geschichten aus ihrer Jugend erzählt.

Party UND Konferenz 😉

Tatsächlich sollte man aber trotz all dem irren Family-Party-Feeling nicht den Fehler zu machen, das ganze als Fach-Konferenz zu unterschätzen. Denn ergänzt wird diese „Feier“ von einem sehr umfassenden und anspruchsvollen Programm. Dieses umfasst 5 Tage lang in mehreren zeitgleich liegenden und prall gefüllten Timelines unzählige wirklich informative Lectures, diverse Mini-Larps und zahlreiche Workshops auf höchsten Niveau.Tatsächlich hat die Knudepunkt Larp Konferenz mit das beste Programm, was ich je auf einer Fachkonferenz erlebt habe.

Larper bei der Essensausgabe

Um dabei auch die First-Timer zunächst auf den aktuellen fachlichen Stand der Diskussion über Larp in den nordischen Ländern zu bringen, gibt es hierfür eine komplett eigene Lecture: Der „First-Timers Guide to Knudepunkt Theory“. Hier wird der geneigte First-Timer auf höchst anschauliche und unterhaltsame Weise in die theoretischen Dimensionen der letzten Jahre Larp-Theorie eingeführt. Und wird somit auch auf liebevolle Weise willkommen geheißen. Spannenderweise wurde gerade diese spezielle Veranstaltung auch von etwa 50% Nicht-First-Timern besucht.

Zudem umfasst das Programm aber auch teilweise etwas bizarr anmutende Veranstaltungen wie etwa „Larping like a Rockstar“. Hier kamen nicht nur sowohl der Referent als auch beide Assistenten bei einem viertelstündigen Vortrag eine Viertelstunde zu spät (natürlich absichtlich ;-)). Sondern sie kamen auch alle direkt aus der Hoteleigenen Sauna. Und das nur mit einem Handtuch und einem Gürtel (!) und einer Sonnenbrille bekleidet. (Yes, Claus. I´m looking at you! 😉 )

„Nothing will happen at 12 o´clock!“

Nicht im Programm aufgeführt und dennoch bizarr war dagegen ein Event, dass sich per Mund-zu-Mund-Propaganda mit folgendem Text ankündigte: „Nothing will happens at 12 o´clock in Plenum A, really nothing!“. Und das sich bei anschließend dennoch eintretender Anwesenheit von doch recht vielen Personen als das alljährlich rituell stattfindende „Unholy Planters Punch Ritual“ herausstellte*. Hier wurden First-Timer wie ich zeremoniell in die unheiligen, familiären Reihen der Knudepunkt Jünger eingeführt. Ich gelobe, ich habe niemals Alkohol getrunken und schon garnicht in großen Mengen! 

Das "Unholy Planters Punch Ritual" auf der Knutepunkt Larp Konferenz 2011
The unholy Planters Punch Ritual

Diese Larp Konferenz war für mich aber auch aufgrund solcher Veranstaltungen wie beispielsweise „All the things I´ve learned, from all the mistakes I´ve made“ eine unfassbare Bereicherung. Hier sprachen eine ganze Reihe wirklich gestandener Larp-Veranstalter ganz offen über ihre bisher gemachten Fehler bei dem Organisieren von Larps. Auf eine unglaublich offene und sympathische Art veranschaulichten sie dabei konkret, wie sie selber gerade durch ihre Fehler zu immer besseren Veranstaltern wurden. Und wie sie auch letztlich menschlich immer nur dazu gewannen. Durch dieses Vorbild motivierten diese Seniors der Szene sicher den ein oder anderen in Zukunft ähnlich offen und ehrlich mit den eigenen Fehlern und Patzern umzugehen. Und daraus zu lernen. Wirklich ein unfassbar großartiges Format!  

Content, Content, Content

Viele Veranstaltungen inspirierten mich wirklich und waren für mich auch beruflich ein echter Zugewinn. So zum Beispiel die enorm professionelle und unterhaltsame Lecture „Avoid and Control Damage in Urbane Pervasive Larping“ von Itamar Parann. Itamar sprach hier über seine beruflichen Erfahrungen mit Constraints Management und übertrug diese auf die Organisation und Durchführung von pervasiven Larps. 

Ein Ausschnitt aus dem Konfere

Für mich als Forscherin war natürlich auch die Lecture des Vollzeit-Larpforschers J. Tuomas Harviainen „This Year in Larp Academia“ besonders interessant. Jituomas gab hier einen sehr kompetenten und natürlich auch kritischen Überblick über die akademischen Neuerscheinungen des Jahres mit dem Thema Live Rollenspiel im Speziellen und Rollenspiel im Allgemeinen. 

Bezüglich Larp-Forschung auch extrem interessant war zudem das Projekt von Taisia Kann, die International Comarative Larp Study (ICLS), welches sie auch bereits auf dem Mittelpunkt vorgestellt hatte. Dabei steckt sich das Projekt, wie der Name schon sagt, kein weniger ambitioniertes Ziel, als dass in einer lang angelegten Untersuchung systematisches Wissen über Live-Rollenspiel auf der ganzen Welt zusammen getragen werden soll!

Aber auch die Bekanntschaft der überaus netten und ambitionierten Mitarbeiter und Gründer der Østerskov Efterskole – der weltweit ersten „Larp-Schule“ – machen zu dürfen, war für mich eine große Freude und Ehre. Denn die dänische Schule ist zwar staatlich anerkannt und vermittelt den ganz normalen Lehrplan, wie ihn das dänische Curriculum vorsieht. Sie tut dies allerdings ausschließlich (!) anhand von Spielen. Und das vor allem und überwiegend anhand von Live-Rollenspiel! Für mich als Kind, sowie für wahrscheinlich jeden Larper und jeden Menschen der gerne spielt und die reguläre Schule hasste, wäre das wahrscheinlich das mit Abstand Aller-Aller-Größte gewesen!

After the trip…

Als ich schließlich Sonntag Nachmittag wieder im kalten Hamburg landete, stellte ich erst mal fest, dass mein warmer Wintermantel noch in Helsinge an der Garderobe hing. Und obwohl ich beinahe vor Erschöpfung auseinander fiel, war ich dennoch oder vielleicht gerade deswegen nach langer Zeit mal wieder so richtig tiefen-entspannt und zufrieden. Jetzt da ich meine Taufe als First-Timer auf einer Knudepunkt Larp Konferenz hinter mir habe, kann ich nur sagen: Ja, auch ich werde wiederkommen! Und nächstes Jahr auf dem Solmukohta, wie es in Finnland heißt, werde ich zudem die legendäre „Week In“ mitnehmen, bei der sich jedes Jahr bereits in der Woche vor dem Knudepunkt einige der Teilnehmer in der jeweiligen Konferenz-Stadt treffen, die Stadt kennenlernen und gemeinsam mit den Teilnehmern aus aller Welt Party machen.  

Goodbye mit Schokolade

Generell war für mich dieses turbulente Wochenende der Knudepunkt Larp Konferenz ein höchst eindrucksvolles, enorm informatives und extrem unterhaltsames Ereignis. – stetig oszillierend zwischen totaler Reizüberflutung und dem perfekten Flow-Gefühl!

Abschließend bleibt nur zu sagen: Zur Knudepunkt Konferenz zu fahren, lohnt sich definitiv für alle Rollenspieler, die Lust haben, mehr über Live Rollenspiel zu erfahren und zu lernen. Es lohnt sich für alle, die sich für Larp-Theorie interessieren. Oder für die, die Lust haben an kreativen und teilweise extravaganten und innovativen Mini Larps und Workshops teilzunehmen. Und es lohnt sich vor allem für alle, die Lust haben, über ihren nationalen Tellerrand hinaus zu blicken. Oder für die, die gerne internationale Larper und Larp-Veranstalter kennen lernen möchten und Lust haben mit eben jenen höchst kreativen und durchgeknallten Menschen sagenhafte Partys zu bestreiten!

Outro 2020

Fast 10 Jahre später kann ich sagen: Wow, was für eine unfassbar großartige Veranstaltung! Ich hatte so einen unglaublichen Spaß. Und ich habe so unglaublich viel gelernt und mitgenommen damals. Die Knutepunkt Konferenz hat mich tatsächlich als Game Designerin mehr vorangebracht und geprägt als fast jede andere Konferenz, an der ich davor oder danach bisher noch teilnehmen durfte. Und ja, ich kam im nächsten Jahr wieder 😉 Und nach vielen Jahren Abstinenz aufgrund von Zeitmangel vermisse ich sie sehr. ich werde auf jeden Fall wieder kommen!

Zum Weiterlesen über die Larp Konferenz Knudepunkt

Hier der Wikipedia Artikel über die Knudepunkt Konferenz.

Hier findet ihr den Inhalt von einem der drei Bücher, dem mit dem wissenschaftlichen Schwerpunkt, zu der damaligen Veranstaltung: http://larpbase.pl/portfolio/think-larp-academic-writings-from-kp2011-knutepunkt-2011/

Und hier ist die Homepage des nächsten Knutepunkts

*Später fand ich heraus, dass das Unholy Planters Punch Ritual doch genau so (noch) keine jährliche Tradition war. 😉

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